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Die Zahl der Feier-Tage erhöhen

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Heute ist es noch nicht soweit.

C.N. ist 39 Jahre alt. Sie hat die Diagnose eines bösartigen Lungenkrebses vor 17 Monaten erhalten. Vor zwölf Monaten wurde ihr gesagt, dass die Therapie es nicht geschafft hat, die Erkrankung zu besiegen. Die Ärzte sagten ihr, sie sei zwar unheilbar krank, aber man könne trotzdem sehr viel tun, um ihr „Zeit zu kaufen“. Sie hat regelmäßig Chemotherapie-Infusionen bekommen und dabei versucht, sich mit einem Leben ohne Haare zu arrangieren und dem Gefühl, sie müsse immer einen Rucksack mit Bleigewichten tragen. Der Kopf war vor sechs Monaten bestrahlt worden. Vor drei Tagen ist sie zu Hause umgefallen und hat vor den Augen der Kinder auf dem Boden gelegen und unkontrolliert zu zucken begonnen. Mit Hilfe einer Nachbarin haben die Kinder den Notarzt gerufen. Seitdem ist sie im Krankenhaus.

„Jeden Tag steht die Frage im Raum: Wie lange noch?“ C. lächelt. „Eigentlich gilt das nicht nur für kranke Menschen, aber für die eben ganz besonders. Manchmal nimmt die Frage mir die Kraft morgens aufzustehen, manchmal feiere ich schon beim Aufwachen, dass es an diesem Tag eben noch nicht soweit ist.“

Die Metastasen im Gehirn sind nicht neu – sie dachte nur, die wären durch die Strahlentherapie ausgemerzt worden. Der Krampfanfall vor den Kindern ist neu. Es ist eine neue Dimension von Zumutung, die ihr die Krankheit aufzwingt. Es ist ihr peinlich. Sie fürchtet, den Kindern ungeheure Angst eingejagt zu haben. Außerdem hat sie in die Hose gemacht dabei. Die Kinder sind jetzt bei ihrem Ex-Mann. Er wird sie wieder viel zu lange wach bleiben lassen und die Handyzeiten nicht kontrollieren.

Zuhören

Dr. Juliane Heuckmann, Ärztin: "Wir beschreiben mit Diagnosen biologische Zusammenhänge und suchen Erklärungen für körperliche Phänomene. Wir erklären den Patienten so erlebte Symptome und empfundene Belastungen. Hier hört das Gespräch in vielen Fällen auf, da vermeintlich genug Information vorhanden ist, um medizinisch zu handeln. Die Bedeutung des Erlebten selbst können aber nicht wir den Betroffenen erklären. Die Bedeutung erfahren wir von ihnen.

Hier liegt der eigentliche Schlüssel, Hilfe anbieten zu können: Denn wir stoßen bei unheilbar Erkrankten unweigerlich an Grenzen, wenn wir biologische Verbesserungen versprechen. Das empfundene Leid ist immer intim und individuell. Deshalb geben wir Raum für die Erlebnisse und Geschichten der Menschen, die unsere Patienten sind – wir hören zu. Nur wenn wir wach bleiben, diese Geduld aufbringen, immer wieder neugierig hörend auf der Suche bleiben, können wir hoffentlich den Punkt erreichen, an dem wir gut genug verstehen, um authentisch Trost und auch Hoffnung trotz aller unveränderbaren Fakten spenden zu können. Medikamente erreichen Rezeptoren. Palliativmedizin erreicht dann Menschen."

Sie hat gehört, dass die Metastasen im Kopf gewachsen sind. Die Ärztin saß bei ihr am Bett. Nachdem sie gesagt hatte „… und sie werden weiter wachsen“ hat die Ärztin geschwiegen. Zuerst dachte sie, da kommt noch was, da muss doch noch was kommen, sie spürte die Panik, das Pochen im Kopf, die Übelkeit im Magen, die Angst vor dem, was die Ärztin noch sagt – aber die nahm nur ihre Hand. Sie wandte den Blick zum Fenster.

Wie lange es dauerte, konnte sie nicht sagen. Aber sie bemerkte, wie ganz langsam die Stille weniger eisig und es wieder etwas wärmer wurde. Die Hand war noch da. Nichts war gut, ihre Welt in Trümmern, aber sie war nicht allein. Die Stille brüllte nicht mehr ganz so laut in ihrem Herz. Schweigen erfüllte den Raum.

Radikal

Dr. Bernd Oliver Maier, Chefarzt: „Es ist oft ehrlicher, angemessen zu schweigen und einfach emotional präsent zu sein, als mit Worten das Wunder des Lebens und Sterbens zu zerreden. Aber das braucht Raum, Mut, eigene Kraft und Überzeugung und starken Rückhalt.

Diese professionelle Nähe beschreibt dabei mehr als nur Mitgefühl, es ist ein Konzept, radikal und respektvoll dafür einzustehen, dass jedem Menschen, jedem gelebten Leben mit einem Höchstmaß an Aufmerksamkeit begegnet wird, um auch in den verletzlichsten Momenten Raum für Würde, Zuwendung und Fürsorge gewähren zu können. Dafür steht Palliativmedizin ein. Und das kann sehr anstrengend sein.“

Als die Kinder zu Besuch kommen, ist sie aufgeregt. Die Pflegefachkraft hat ihr geholfen, lange das Parfum mit ihr gesucht und es schließlich in der Handtasche gefunden. Sie haben im Bad laut gelacht, als sie sich mal wieder ewig nicht für eines der drei T-Shirts entscheiden konnte – „das hat meinen Ex-Mann schon immer zur Verzweiflung gebracht, wenn wir abends los wollten …“. Bei der Auswahl des Lippenstifts wiederholt sich das Schauspiel. Jetzt stehen die beiden Kinder endlich in der Tür. Ein unfassbar trauriger und schöner Moment. Sie sind etwas scheu, aber das elektrisch verstellbare Bett fasziniert ihren Sohn schnell. Nach etlichen Positionswechseln und Hoch- und Abfahrten des Bettes steht fest, er will jetzt auch so eins.

Die gemalten Bilder der beiden („Wir am Meer“ und „Ich im Rennauto“) werden von der Pflegefachkraft dem Bett gegenüber an die Wand gehängt – so hat sie sie immer im Blick. Die Ärztin kommt rein und stellt sich den Kindern vor und fragt, ob es ihnen gut geht oder ob sie etwas tun kann, damit es gut würde. Die Kinder zucken mit den Schultern. „Darf ich Ihren Kindern ein Eis bringen?“ Als sie mit dem Eis wiederkommt, zwei Gläser mit den gefrorenen Saft-Eiswürfeln, die auch sie immer bekommt, um die Mundtrockenheit vergessen zu machen, verweilt die Ärztin noch und fragt, ob die Kinder denn gerne etwas von ihr wissen wollen. Die Tochter fragt, was das für ein Schlauch ist, mit dem Beutel dran. Die Ärztin sagt, dass dadurch das Pipi ablaufen kann, ohne dass man aufstehen und auf die Toilette gehen muss. Das hilft, wenn dafür keine Kraft da ist. Die Tochter findet das sehr praktisch.

Dr. Bernd Oliver Maier, Chefarzt: „Die Angst davor, sich in verwundbarer Hilfsbedürftigkeit anderen zeigen oder zumuten zu müssen, lässt viele Menschen verzweifeln. Wir können nicht verhindern, dass Kraft schwindet. Aber wir können immer aufs Neue versuchen, zu überzeugen, dass jedes Menschsein wertvoll ist. Durch unsere Begleitung können wir Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Würdeempfinden stärken und erhalten.“

Kuchenteller in der Handtasche

In der Nacht war sie unruhig. Der Pfleger war lange bei ihr und versuchte herauszufinden, was los war. Sie saß an der Bettkante und räumte die Sachen auf dem Nachttisch hin und her. Er fragte, was sie suche, sie konnte es ihm zunächst nicht sagen. Er nahm die Gegenstände, zeigte ihr die Uhr, das Mobiltelefon, den Parfumflakon – sie winkte ab. Er nahm den leeren Kuchenteller, um ihn zur Seite zu stellen, da hellte sich ihr Gesicht auf und sie deutete ihm an, was er zu tun habe.

Der Pfleger berichtet: „Heute Nacht war Frau N. ziemlich unruhig, zuerst ist es mir nicht gelungen, herauszubekommen, was sie wollte, dann habe ich verstanden, dass sie sich wünscht: dass ich die Kuchenteller in ihre Handtasche packe.“ Was hat er dann gemacht? „Ich habe die Kuchenteller in ihre Handtasche gepackt. Dann war sie zufrieden, hat sich hingelegt und in den Schlaf gefunden.“

C.N., Patientin: „Jeden Tag steht die Frage im Raum wie lange noch. Eigentlich gilt das nicht nur für kranke Menschen, aber für die eben ganz besonders. Manchmal nimmt die Frage mir die Kraft morgens aufzustehen, manchmal feiere ich schon beim Aufwachen, dass es an diesem Tag eben noch nicht soweit ist. Palliativmedizin hilft dabei, die Zahl der Feiertage zu erhöhen.“